Zuerst San Pedro, dann L.A.

Die einen sehen das „Fireship No. II“ bei einer eindrucksvollen Demonstration seiner Kraft. Die anderen „Wasserballett“ der anderen Art. (c) Ulrich Pfaffenberger
Die einen sehen das „Fireship No. II“ bei einer eindrucksvollen Demonstration seiner Kraft. Die anderen „Wasserballett“ der anderen Art. (c) Ulrich Pfaffenberger

Wer mit dem Schiff die Destination „Los Angeles“ ansteuert, für den führt an San Pedro kein Weg vorbei. Cunard, Holland America, Princess, Royal Caribbean und wie sie alle heißen: Hier im Süden der Metropolis L.A. legen all die mächtigen weißen Kreuzfahrer an, um ihre Gäste nach Downtown, Long Beach, Beverly Hills oder Hollywood zum Landausflug auszuschiffen. Den meisten von ihnen entgeht dabei, dass sie vor dem Schiffsbug ein überaus sehens- und besuchenswertes Ziel zum Greifen nahe haben. Umgekehrt aber entdecken immer wieder Touristen, denen die Luft der Innenstadt zu heiß und stickig wird, San Pedro als die kleine Abwechslung für zwischendurch – mit frischer Brise vom Pazifik.

Charme zu zivilen Preisen

Sie sollten sich dabei nicht von den hoch aufragenden Kränen des Containerterminals abschrecken lassen. Was schon Meilen entfernt nach Industriegebiet aussieht (und mit dem Internationalen Hafen Los Angeles auch ist), entwickelt sich aus der Nähe betrachtet zu einer gemütlichen kalifornischen Kleinstadt, in der’s vergleichsweise unaufgeregt und glamourfrei zugeht. Bestes Beispiel sind die kleinen Bars und Kneipen, ganz ohne Glamour und mit zivilen Preisen, aber beim Plausch mit Einheimischen genauso unterhaltend – und die Atmosphäre frei von Pappmache-Kulissen.

Was mancher in L.A. „provinziell“ nennen könnte, macht den Charme von San Pedro aus. Das Assistance League of San Pedro Post Office zum Beispiel, architektonisch eher seltsam anzusehen, birgt die einzige Postfiliale im ganzen Land, die nur von Freiwilligen betrieben wird. Alle Einnahmen fließen in wohltätige Projekte. Oder der alte Trink-Brunnen in der Beacon Street, der von 1870 bis in die 1950er Jahre Einheimischen wie gestrandeten Seeleuten jenen Brand löschen halt, den die Durstlöscher in den Kneipen entfacht hatten. Damals gab es die nette amerikanische Sitte, jedem Gast ein Glas Wasser an den Tisch zu stellen, in San Pedro noch nicht.

Seeluft schnuppern und Asien sehen

Einer der schönsten Plätze, drinnen wie draußen, ist das Los Angeles Maritime Museum, direkt neben dem Yachthafen. Mehr als 700 Schiffsmodelle und jede Menge Exponate aus der maritimen Geschichte der Stadt und ihrer Menschen lassen nicht nur das Herz jedes Schiffahrt-Liebhabers höher schlagen. Auch echte Landratten werden es genießen, draußen auf dem Deck Seeluft zu schnuppern und dabei Schlepper, Feuerwehrboote und Ausflugsdampfer an sich vorbeischippern zu lassen. Und wer dann bei der Hafenrundfahrt an einem der gewaltigen Container-Pötte entlangschippert, den nimmt die Weite der Weltmeere ganz gefangen: Der hier kommt aus Shanghai, der segelt nach Singapur.

Wie eng San Pedro mit der Schiffahrt – insbesondere der nach Asien – verbunden ist, wird am höchsten Punkt der Stadt sichtbar. Auf dem San Pedro Hill, umgeben von einem weitläufigen Park, in dem Kinder ihre Drachen steigen lassen, Familien mit Rollschuhen ihre Runden drehen und Brautpaare sich zum Hochzeitsfoto drapieren, thront ein koreanischer Tempel. In seinem Inneren eine Freundschaftsglocke, 1976 zur 200-Jahr-Feier der amerikanischen Unabhängigkeit von der Republik Korea als Geschenk gegeben. Ein Platz voller Harmonie und Frieden, von dem aus der Blick frei ist hinein in die Stadt und hinaus auf den Ozean. Wenn man verstehen will, was es auf sich hat mit dem Unterschied zwischen Atlantik und Pazifik und warum man von Kalifornien mehr Richtung Asien als Richtung Europa denkt, hier genügen wenigen Minuten, um es zu erkennen.

Der schiefe Turm von San Pedro

Besonderen Ruhm unter den Seefahrern der Welt genießt der Leuchtturm an der Hafeneinfahrt von San Pedro, „Angel’s Gate“. Wann immer ein Hochsee-Schiff zum ersten Mal den Los Angeles Harbor ansteuert, bekommt der Master zur Erinnerung eine Plakette in Gestalt des Leuchtturm überreicht, dessen grünes Licht ihm zuvor den Weg gewiesen hat – eine begehrte Trophäe unter Skippern. Nicht-Seefahrer können sich ersatzweise an der leichten Schrägstellung des Turms erfreuen, Folge eines schweren Sturms anno 1939, oder, bei Nebel, am melodischen Zweiklang des Nebelhorns, das alle 30 Sekunden ertönt.

Ein höchst entspannendes und frisches Gegenstück zu den mondänen Stränden weiter im Norden bietet Cabrillo Beach, wo praktisch ganz San Pedro zum Sonnen und zum Baden geht. Entsprechend locker und familiär ist die Atmosphäre dort. Ein kleines, aber feines Aquarium macht mit dem Leben im und am Wasser in der Region vertraut und ist, ganz nebenbei, weit über die Region hinaus berühmt für die „Strudel“, die dort in der Cafeteria serviert werden.

Zwischen Sträflingsinsel und Schlachtschiff-Museum

In Sichtweite des Strandes befinden sich einige außergewöhnliche Orte. Terminal Island zum Beispiel, einst Mittelpunkt des Warenumschlags und der Fischerei – an deren Bedeutung ein weitgehend unbekanntes Denkmal zu Ehren der japanischen Gemeinde am Ort erinnert – steht heute dort eine Strafanstalt im Mittelpunkt. Zahlreiche, teilweise historische Lagerhäuser, Verpackungsbetriebe und Werftanlagen befinden sich im Übergang in moderne Zeiten und haben bei einigen Hollywood-Streifen als malerisch-morbide Kulisse für Filme gedient, deren große Action- und Explosions-Szenen dort gedreht wurden. Ander spektakuläre Anblicke liefern die großen Boote der Küstenwache, die hier ständig ein- und auslaufen, das „Fireboat No. 2“ der Hafenfeuerwehr, das größte und leistungsstärkste seiner Art in den USA, und seit kurzem die U.S.S. Iowa, einst eines der mächtigsten Schlachtschiffe auf den sieben Meeren und nun auf dem Weg zum schwimmenden Museum.

Überschaubare Innenstadt mit lebendiger Kneipenszene

Das historische Herz von San Pedro ist nur ein paar Gehminuten vom Ufer entfernt. Eine bunte Mischung bei der Architektur, eine bunte Mischung aus Läden, Restaurants und Galerien. Kleine „Antique Shops“, in denen man im kultgeschwängerten Durcheinander mehr oder weniger wertvolle Artefakte der letzten hundert Jahre findet sind ebenso wie eine Handvoll Buch-Antiquariate auf jeden Fall lohnendere Quellen für Mitbringsel und Erinnerungsstücke als die üblichen Souvenir-Shops. Ein echtes Schaustück ist das Warner Grand Theater im Art-Deco-Stil, 1931 als Kulturtempel eingeweiht – und als letzter seiner Gattung noch heute in Betrieb.

Am Ende eines lockeren Tages in San Pedro ist zudem Verlass auf jene Stätten, in denen der erschöpfte Wanderer Labsal sucht. Den sommerlichen Temperaturen Kaliforniens entsprechend findet das Leben und Genießen nicht nur drinnen, sondern auch unter freiem Himmel statt. Kochkunst aus der Karibik, aus Japan, Mexiko, Griechenland mischt sich mit American-Style und einer Unzahl von Varianten bei der Meeresfrüchte-Küche – und das alles innerhalb weniger Straßen-Blöcke. Die Restaurants von San Pedro sind für prima Essen zu freundlichen Preisen bei Einheimischen geschätzt.

Und bitte versäumen Sie nicht eine Fahrt mit der historischen Straßenbahn, der Trolley, unten am Hafen. Sie ist, nicht nur wegen des malerischen Fahrzeugs, ein Erlebnis, das man in den automobilen USA nicht mehr oft geboten bekommt. Und ein schönes Zeichen dafür, dass es stets auch eine Nummer kleiner und langsamer geht – aber trotzdem Spaß macht.


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