Nun, ich nehme auch einen Schnaps.

13L01400_polyglott_coverDas richtige Wort zur rechten Zeit bringt den Reisenden voran. Eine weise Erkenntnis, die vor 115 Jahren John William Kuntze dazu bewog, einen Verlag zu gründen. Einen Verlag mit Sprachführern quer durch die Welt, „Polyglott“. Zum Jubiläum haben seine Nachfolger nun das Faksimile einer der ersten Ausgaben veröffentlicht: „Amerikanisch“. Mit dem Kaufpreis von seinerzeit 50 Pfennigen war das Versprechen verbunden, dass der Nutzer nicht nur die „genaue Angabe der Aussprache“ vermittelt bekommt, sondern auch „Wichtige Ratschläge über Amerikanische Verhältnisse“.

Praktischer Ratgeber fürs Leben

Darunter befinden sich, nur oberflächlich kaschiert, zum Beispiel Hinweise, bloß bei der Einwanderungsbehörde nicht zuzugeben, dass man mittellos sei. Sonst werde die Einreise verweigert. Auch über bereits geschlossene Kontrakte mit amerikansichen Auftraggebern gelte es Stillschweigen zu bewahren, weil sonst sofort die Rückreise anzutreten sei: „Dieser Punkt ist sehr wichtig.“ Auch was den amerikanischen Pragmatismus angeht, machen die Autoren des Büchleins nicht viel Federlesens, zum Beispiel was das Beenden der meist wöchentlich vereinbarten Anmietung eines Zimmers angeht. Es liege nicht „in der amerikanischen Gewohnheit, Redewendungen oder Entschuldigungen dabei zu gebrauchen“.

Kulturwandel in Redewendungen

Als wahre Fundgrube für gewandelte und beibehaltene Sitten und Gebräuche erweist sich dann der umfangreichere Wörterbuch-Teil. Mit „Well, give me a ham sandwich and a cup of coffee“ käme man auch heutzutage noch in jedem Starbucks zurecht. „Johann, ich muss zur Stadt reiten, geh‘ und sattle das braune Pferd“ wird nur noch in den wenigsten Landstrichen der USA wirklich weiterhelfen, ebenso die Dialoge mit den Kohlenhändlern oder den Schuhmachern. Während „Well, I shall also take a whisky“ in der Rubrik „Zweites Frühstück“ einst und jetzt die Tore zu einem ganz neuen Kulturverständnis öffnet – oder zu einem (geschmacklichen) Missverständnis: „Nun, ich nehme auch einen Schnaps.“

Warum wohl Opa immer das „th“ gezischt hat?

Die dreispaltige Gliederung nach deutschem Wort, amerikanischer Übersetzung und Aussprache (in einer stark vereinfachten Lautschrift) hat mitunter etwas Anrührendes, weil man sich nur zu gut vorstellen kann, wie viel Mühe es die ungeübten Sprecher wohl gekostet hat, sich die Fremdsprache anzueignen. Wer jemals darüber gerätselt hat, warum die Großeltern beim Englischsprechen bestimmte Betonungen verwendet haben, zum Beispiel beim „th“, erhält hier wertvolle Hinweise zu den Ursprüngen ihrer Bemühungen: „my broszer is ät hohm“.


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