Im Tempel der alten Dampfrösser

Blick in den Lokschuppen, das Heiligtum, des B&O Railroad Museums in Baltimore. (c) Ulrich Pfaffenberger
Blick in den Lokschuppen, das Heiligtum, des B&O Railroad Museums in Baltimore. (c) Ulrich Pfaffenberger

Der erste Schritt hinein in die Rotunde des alten Lokschuppens vermittelt einem mehr das Gefühl von Petersdom als von Werkstatt. Hoch ragen die rot gestrichenen Balken auf, die das hölzerne Dach und den Turm in der Mitte tragen. Durch die schlanken Fenster füllt Licht den Raum und lässt die blau-weiß-roten Fahnen leuchten, die zuhauf das Rund säumen. Man muss schon ein zweites Mal und genau hinschauen, um die historischen Lokomotiven wahrzunehmen, die eigentlich im Mittelpunkt dieses Ortes stehen, den seine Betreiber etwas pathetisch „Birthplace of American Railroading“ nennen: das B&O Railroad Museum – die Abkürzung steht für Start- und Zielpunkt der Strecke Baltimore und Ohio, Überseehafen und Industrierevier.

Schatzkammer voller Schmuckstücke

In gemütlich augeleierten Sesseln am Rande der Säulenhalle sitzen John, Allan und Ramsey, drei von einer ganzen Reihe Freiwilliger, die das Museum am Laufen halten. Sie machen nicht viele Worte, testen lieber erst einmal ab, ob der Besucher vom Fach ist

Wie aus dem Bilderbuch oder dem Wild West-Film: die Dampflok No. 147 "Thatcher Perkins". (c) Ulrich Pfaffenberger
Wie aus dem Bilderbuch oder dem Wild West-Film: die Dampflok No. 147 „Thatcher Perkins“. (c) Ulrich Pfaffenberger

oder nur mal kurz Smalltalk machen möchte. Aber wenn man sie dann nach Details zur „Camelback“ fragt, einer Dampflok, die ihren Spitznamen den Aufbauten auf dem Kessel verdankt, oder zu berichten weiß, dass die „Mikado“-Bauweise als Exportartikel auch in Europa ordentlich Zugkraft auf die Schiene gebracht hat, dann tauen sie auf und packen Anekdote über Anekdote über die historischen Schmuckstücke aus, die ihnen anvertraut sind.

Geschichte zum Berühren und Berührtwerden

Man braucht nicht vom Fach zu sein oder seine Nase in den rußigen Fahrtwind von Dampfzügen gesteckt haben, um der Faszination eines Ortes wie dem B&O Museum zu erliegen. Wer an den hoch aufragenden Rädern vorbeischlendert, mit der Hand über die blankpolierten Pleuelstangen fährt oder im Führerstand nach einem der mächtigen Bremshebel greift, für den wird ungebremst eine längst vergangene Epoche des Schienenverkehrs lebendig. Das haben Besucher aus Europa mit den meisten Amerikanern gemeinsam, die hierher kommen: Denn so wichtig der Schienenverkehr einst war, um das Land zu erschließen und die Industrialisierung der USA voranzubringen, so sehr ist der Zugverkehr zur Randerscheinung geworden, insbesondere beim Personentransport.

Schöner als im Film

Ehrenamtliche "railroad buffs" wie John kümmern sich darum, dass Besucher des Museums nichts übersehen - und dass Erinnerungen lebendig bleiben. (c) Ulrich Pfaffenberger
Ehrenamtliche „railroad buffs“ wie John kümmern sich darum, dass Besucher des Museums nichts übersehen – und dass Erinnerungen lebendig bleiben. (c) Ulrich Pfaffenberger

Beim Gang durch die Pullman-Wagen aus den 1930er bis 1950er Jahren im Musuem bekommt man noch eine Ahnung vom Luxus und von der Bedeutung, die das Transportmittel Eisenbahn hier einst hatte. Komfortable Sessel, hochwertiges Porzellanservice, Kabinen auf dem Niveau eines Hotelzimmers: Wer sich das mal in natura ansehen möchte und nicht nur als Filmszene, der kommt in Baltimore jener Ära sehr, sehr nahe. Zumal sich die Ausstrahlung der Exponate nicht nur aufs Ansehen beschränkt, sondern auch aufs Fühlen und Hineinriechen in die Geschichte. Gerade weil in diesem Museum nicht alles auf Hochglanz poliert ist, gerade weil manches improvisiert und mit einfachen Mitteln (oder schon vor guter Zeit) zum Ausstellungsstück aufbereitet wurde, gerade weil der Weg über die Wege und Gleise mitunter holprig ist, berührt die Botschaft dieses Museums nicht nur den Verstand, sondern genauso auch das Gefühl. Zum Beispiel jenes, wenn man vor einer „Shay“- oder einer „John Hancock“-Lokomotive steht und darüber nachzudenken beginnt, wie das alles einmal angefangen hat.

 


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